Tauschnetz Elzach

Historisches

Tauschen – also das Wechselspiel aus Geben und Nehmen – gibt es, seit Menschen existieren. Anfangs waren es Tauschbeziehungen auf Gegenseitigkeit, woran auch die Einführung der Arbeits-Teilung nichts änderte: mein Schmuckstück gegen deinen Krug – meine Kuh gegen zwei Schafe von dir – mein Schwein gegen dein Getreide – ich helfe dir beim Ernten, du schneiderst mir dafür einen Anzug.
Heute hört sich das dann so an: Du hilfst mir beim Schreiben eines englischen Briefes, ich helfe dir beim Umzug.

Dieses Tau­schen auf Gegenseitigkeit hat sich bis heute erhalten – in Nachbarschaftsbe­ziehungen, im Freundeskreis oder in Familienverbänden. Was aber tun, wenn ich deine Gegenleistung momentan gar nicht brauche? Aus diesen Situationen heraus entstanden Tauschmittel. Diese bestanden zunächst aus lagerfähigem, haltbarem oder besonderem Material, z.B. Muscheln, Krüge, Speerspitzen, Öl, Salz oder Metalle. Seit der Antike gibt es dann auch Münzen: die Griechen handelten als erstes (600 vor Christus) mit einer Silberwährung, bei der ein „Talenton“ in 30 Minen unterteilt war und eine Mine 100 Drachmen entsprach.

Die Erfindung von Geld als Münze ermöglichte die Entwicklung einer arbeitsteiligen Wirtschaft und förderte damit einen ungeheuren wirtschaftlichen und kulturellen Auf­schwung.

Aber es gab nicht nur positive Auswirkungen der Geldwirtschaft. Geld wurde zum Aufbewahrungsmittel, man konnte es mit Zins und Zinseszins verleihen. Gerade dieser Effekt von Zins und Zinseszins machte aus dem eigentlich „neutralen“ Tauschmittel Geld ein Machtmittel, mit dessen teils irrwitzigen Auswirkungen (10 % der Weltbevölkerung besitzt etwa 90 % des Vermögens auf diesem Planeten) wir uns gerade in der heutigen Zeit auseinanderzusetzen haben.

1919 veröffentlichte Silvio Gesell sein Buch Die natürliche Wirtschaftsordnung.
Seine Theorie basiert vor allem auf den Überzeugungen, dass das Geld „fließen“ muss, um die Wirtschaft zu beleben, dass Zinsen das Grundübel unserer Wirtschaft seien. Geld darf nicht „rosten“, es muss wie Ware „verderben“ können, Geld muss sich immer im Umlauf befinden, darf nicht gehortet werden.

Auf Silvio Gesells Theorie der Freigeldlehre besann man sich Ende der zwanziger Jahre z.B. auch in Wörgl in Tirol. Aufgrund der Rezession, der überall herr­schen­den Armut, des wirtschaftlichen Niedergangs, der vielen Arbeitslosen entstanden Experimente mit Freigeld, um der Not zu begegnen. So wurde ein Ersatzgeld eingeführt, Tauschbons, Gutscheine.

Der Unterschied zum normalen Geld bestand vor allem darin, dass zu bestimmten Zeiten dafür Gebühren anfielen, und deshalb versuchte jeder, das Ersatzgeld so schnell wie möglich loszuwerden. Mit diesem Ersatzgeld handelten Geschäfte, Firmen und Privatpersonen, und während anderswo die Arbeitslosen darbten, entstand hier innerhalb kürzester Zeit eine blühende Wirtschaft.

Das Wunder von Wörgl zog weltweit Experten an, man wollte es anderswo nach­ma­chen – aber die Reichsbank verbot 1931 jedes Ersatzgeld – endgültig.
Auf diese historischen Ereignisse und Experimente konnte sich Michael Linton berufen, als er LETS (Local Employment (oder Exchange) Trading System) „erfand“. Das war Anfang der achtziger Jahre in Kanada auf Vancouver Island. Hier gab es eine beson­ders hohe Arbeitslosigkeit, weil wichtige Firmen, auch die Luftwaffe, die Region verlas­sen hatten. Michael Linton erweiterte das Tau­schen um einige Aspekte und entwarf so sieben Bedingungen, die ein Tauschring erfüllen sollte:

  • Es gibt eine eigene Währung, einen eigenen Währungskreislauf
  • Sämtliche Konten starten mit Null
  • Es gibt keine Verzinsung – weder von Guthaben noch von Minusbeständen
  • Es darf kein Gewinn erwirtschaftet werden, jeder handelt nur für sich selbst, Geben + Nehmen müssen sich die Waage halten
  • Die Kontenstände der Teilhabenden werden offen gelegt und sind für jeden einsehbar
  • Jede Arbeit wird über die aufgewendete (Lebens)Zeit gleich bewertet
  • Es gibt keinen Zwang zum Tauschen

Michael Lintons Verdienst ist es, das bestehende Tauschsystem mit zwei wesentlichen Ele­menten erweitert zu haben: er führte eine Tauschzentrale ein, wo jeder sein eigenes Konto bekam, und eine Marktzeitung, in der Angebote und Gesuche der Teilnehme­rinnen ver­öffentlicht wurden. Durch die zentrale Verrechnung wurde es möglich, dass nicht nur jeweils zwei Personen, sondern alle mit allen tauschen konnten.

Von Kanada aus verbreitete sich die Idee sehr schnell weltweit, vor allem auch in den englischsprachigen Ländern. In England fand die Idee besonders großen Zulauf während der Thatcher-Regierung, in der große Arbeitslosigkeit herrschte.

In Wales gibt es fast in jedem zweiten Ort ein LETS. In Australien entwickelten sich bald die größten Systeme mit bis zu 5000 Teilnehmer/innen, und in Neuseeland kann man mit „Green Dollars“ – so heißt die dortige Tauschwährung – Steuern bezahlen, die aus Tauschgeschäften entstehen.
Der größte Tauschring existiert heute in Argentinien. An ihm nehmen über 120.000 Leute teil, er war auf der EXPO 2000 vertreten.

Auch in Deutschland schossen ab 1994 die Tauschringe wie Pilze aus dem Boden, an die 250 Tauschsysteme gibt es, – rechnet man Seniorengenossenschaften hinzu, sind es weit über 300.